Von Bindung zu Verbindung - Warum erwachsene Beziehungen Differenzierung brauchen
Bindungstheorie erklärt, woher wir kommen. Differenzierungstheorie zeigt, wie wir in Beziehungen wachsen.
In diesem Artikel geht es um ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt – weil es den Kern meiner Arbeit bildet.
Ich war über zehn Jahre eng mit David Schnarch und seiner Arbeit in vielen Weiterbildungen unterwegs und setze mich auch heute noch in verschiedenen Gruppen im Kontext des Crucible Institute intensiv mit Paartherapie und dem Thema Differenzierung auseinander. Was dabei auffällt: Die grosse Debatte, wie sie in den USA geführt wird – zwischen Bindungstheorie und Differenzierungstheorie – gibt es bei uns im deutschsprachigen Raum so kaum. Und doch ist deutlich spürbar, dass sich auch hier die Bindungstheorie (Attachment Theory) – gerade in der Paartherapie – viel stärker verbreitet hat als differenzierungsorientierte Ansätze.
Als Einstieg möchte ich eine erste Hypothese formulieren, die für manche vielleicht auch provokativ ist:
Bindungsorientierte Paartherapie ist für alle Beteiligten oft bequemer.
Für die Paare – und auch für die Therapeutinnen und Therapeuten.
Dabei geht es weniger um die konkreten Methoden in der Sitzung. Wenn man genau hinschaut, sind sich viele Ansätze in der Praxis gar nicht so unähnlich. Der entscheidende Unterschied liegt vielmehr in der Haltung, mit der wir auf Beziehung, Entwicklung und menschliches Erleben schauen. Diese Haltung prägt, wie wir als Practitioner – oder einfach als Menschen – unsere Realität konstruieren.
Natürlich erlebe ich immer wieder, dass Menschen sich danach sehnen, mehr Selbstverantwortung zu übernehmen, sich selbst zu führen und aus alten Mustern auszusteigen. Doch der Wunsch ist das eine – die Umsetzung etwas ganz anderes. Und genau hier zeigt sich, wie anspruchsvoll dieser Weg tatsächlich ist.
Meine eigene Haltung ist über die Jahre sehr klar geworden:
An der Differenzierung führt kein Weg vorbei.
Zu Beginn meiner Zeit mit David Schnarch war ich immer wieder erstaunt, wie deutlich – und teilweise auch scharf – er auf das Thema Bindungstheorie reagiert hat. Mit der Zeit wurde mir jedoch klar, was ihn daran so beschäftigt hat: Aus seiner Sicht wird die Realität von Paaren oft auf eine Weise konstruiert, die sie in einer bestimmten Dynamik festhält.
Am besten lässt sich das in seinen eigenen Worten nachvollziehen:
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Was darin anklingt, erlebe ich auch in meiner eigenen Arbeit immer wieder: die Vorstellung, dass in Beziehungen etwas fehlt – dass Menschen zu weit auseinander sind und zu wenig Bindung da ist.
Heute würde ich es anders formulieren:
Viele Paare haben nicht zu wenig Bindung – sondern zu viel.
Wir sprechen hier von Verschmelzung.
Das Ziel ist nicht noch mehr Bindung – sondern Verbindung zu mir selbst und zum Gegenüber
Ich selbst war viele Jahre ziemlich verloren, wenn es um Beziehungen ging. Ich konnte mich schnell verlieben, intensive und aufregende Phasen erleben – und irgendwann haben die Schwierigkeiten begonnen. Ich habe oft nicht verstanden, was da eigentlich passiert ist. Ich war überfordert, habe andere verletzt und auch mich selbst. Es war eine ziemlich orientierungslose Zeit.
In meiner Sexological Bodywork-Ausbildung bin ich dann zum ersten Mal auf David Schnarch gestossen. Es war nur ein kurzer Ausschnitt aus seinem Buch Die Psychologie sexueller Leidenschaft – und eine Frage, die mich sofort gepackt hat:
„Wo sind Sie beim Sex in Ihrem Kopf?“
Diese Frage hat etwas in mir ausgelöst. Ich konnte sie nicht einfach beantworten – und genau das hat mich fasziniert.
Ich bin dann auf die Webseite des Crucible Institute in Evergreen, Colorado gegangen und hatte plötzlich diesen Gedanken: Da würde ich gerne einmal hingehen.
War es Zufall oder Schicksal – kurz darauf ergab sich die Gelegenheit. David Schnarch war in Stuttgart – mit einem eintägigen Workshop und einem dreitägigen Intensiv-Seminar. Ich habe beides gebucht.
Rückblickend würde ich sagen: Ich fand ihn zuerst ziemlich arrogant. Ich habe nicht wirklich verstanden, was er da tut – und gleichzeitig war ich tief berührt und fasziniert.
Weil etwas in mir wusste: Der sieht etwas, was ich nicht sehe.
Und vielleicht noch wichtiger:
Er hat mir etwas zurückgegeben, das ich innerlich schon fast aufgegeben hatte – die Hoffnung auf eine stabile, verbindliche Beziehung.
Denn die Vorstellung, ich müsse einfach die „richtige Person“ finden, damit es funktioniert – die hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits losgelassen.
Heute würde ich sagen: Ich war damals in einer Grauzone – ein Begriff aus der CET-Arbeit nach Jack Morin. Das Alte hat nicht mehr funktioniert – und war innerlich bereits verabschiedet. Aber das Neue war noch nicht greifbar.
Mit David kam eine neue Ausrichtung in mein Leben.
Rückblickend kann ich sagen: Meine Intuition war damals genau richtig – und dafür empfinde ich bis heute grosse Dankbarkeit, dass ich ihm begegnet bin und seinen Ansatz über viele Jahre hinweg integrieren konnte.
Nicht, dass Beziehungen dadurch einfach geworden wären oder das Leben plötzlich „funktioniert“.
Aber ich merke, wie ich über die Jahre mehr und mehr bei mir angekommen bin – und bei mir bleiben kann, auch wenn Spannung entsteht oder Nähe herausfordernd wird.
Und das Bild oben – die Raupe und der Schmetterling – zeigt für mich sehr schön:
Leben ist Veränderung.
Und Veränderung erzeugt Spannung.
Weil ein Teil in uns wachsen möchte – und ein anderer Teil möchte, dass alles so bleibt, wie es ist. Diese Ambivalenz kennen wir alle: Soll ich? Soll ich nicht? Möchte ich mich verändern – oder lieber nicht?
Diese Kräfte wirken in uns selbst. Und genau deshalb sind auch nahe, verbindliche Paarbeziehungen oft so spannungsgeladen. Auch in Eltern-Kind-Beziehungen, wo das Kind sich permanent verändert und mehr und mehr erwachsen wird, entstehen enorme Spannungsfelder.
In Paarbeziehungen bringen wir unser eigenes inneres Spannungsfeld mit – und dort trifft es auf das Spannungsfeld des anderen. Da einen gemeinsamen Weg zu finden, ist nicht so einfach.
Vor allem gibt es Themen, in denen nicht der eine Raupe bleiben kann und der andere Schmetterling. Zum Beispiel in der gemeinsamen Sexualität. Irgendwann wird die Spannung zu gross – und es bleiben oft nur zwei Wege: Entweder entwickelt sich die Raupe weiter. Oder der Schmetterling geht zurück. Falls dies dann noch möglich ist.
Hinzu kommt, dass wir in diesen nahen Beziehungen nicht nur das Hier und Jetzt mitbringen, sondern auch all die unverarbeiteten emotionalen Spannungsfelder aus unserer Kindheit. Und da sind wir bei der Bindungstheorie.
Das hier ist keine wissenschaftliche Arbeit – ich möchte es so erklären, dass es einordenbar wird. Wer tiefer einsteigen möchte, findet dazu sehr viele gute Bücher.
Die Grundidee ist:
Wachstum und gesunde Entwicklung brauchen Sicherheit.
Ein sicher gebundener Mensch kann in Verbindung bleiben – und gleichzeitig offen sein für Neues, für Entwicklung, für Exploration. Das sind im Grunde zwei zentrale Bewegungen: Bleibe ich in Verbindung? Und was passiert mit meiner explorativen Seite?
Die Bindungstheorie beschreibt, wie wir in unserer Entwicklung unterschiedliche Muster ausbilden – sogenannte Bindungsstile. Wichtig ist mir dabei: Das sind keine festen Zuschreibungen. Wir sind lebendige, komplexe Systeme und haben Zugang zu verschiedenen Mustern – je nach Kontext.
Ein Beispiel: der vermeidende und der ängstlich-ambivalente Bindungsstil. Man könnte denken, dass sich alles entspannt, wenn der vermeidende Partner offener wird. Meine Erfahrung ist oft eine andere: Die Dynamik dreht sich. Das zeigt: Es geht nicht um fixe Typen, sondern um lebendige Dynamiken.
In diesem Sinne beschreibt die Bindungstheorie sehr gut, wo wir herkommen – und welche Muster wir in unser erwachsenes Leben mitbringen.
Und sie hat sich weiterentwickelt. Zum Beispiel durch die Arbeit von Allan Schore, der stark betont, dass es im Kern um Regulation geht – vor allem um Prozesse der rechten Gehirnhälfte. Das ist spannend, weil hier eine erste Brücke entsteht.
Denn auch David Schnarch hat in seinen späteren Arbeiten immer wieder betont, dass es um eine rechtshemisphärische Therapie geht – und damit um Selbstregulation, besonders in Momenten von Stress, Nähe und Konflikt. Und auch darum, dass die Aufgabe der Practitioners ist, sich selbst zu differenzieren. Denn nur so können wir die Menschen die zu uns kommen in ihrer Differenzierung unterstützen.
Also: Regulation wird zentral.
Hier ein Ausschnitt aus einer Paarsitzung von Sue Johnson, einer Vertreterin der bindungsorientierten EFT (Emotional Focused Therapy). Dieser Clip bringt die unterschiedliche Herangehensweise gut auf den Punkt.
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Ich sehe mich in vielem davon wieder. Ich helfe Menschen ebenfalls, sich in Stresssituationen zu regulieren und arbeite auch mit Re-Enactments.
Und doch zeigt dieser Clip für mich sehr klar, wo der Unterschied liegt. Der Satz vom Partner am Ende bringt es auf den Punkt:
„Who is doing it for me?“
Und genau hier beginnt für mich die entscheidende Differenz.
Wenn man sich die Szene genauer anschaut, wird etwas sehr Wichtiges sichtbar:
Der Mann wirkt nach aussen ruhig – aber innerlich ist er massiv unter Stress.
Er beschreibt das selbst sehr eindrücklich: Er hat „alle Finger im Damm, das Wasser läuft schon über.“
Das heisst: Sein System ist bereits überlastet.
Er hält nur noch – aber er ist nicht mehr wirklich reguliert.
Und genau in diesem Moment soll er nun seiner Partnerin Sicherheit geben.
Sie bittet ihn – aus einem bereits regulierteren Zustand heraus – um Bindungsbestätigung, damit sie sich weiter beruhigen kann.
Das Problem ist:
Er kann das in diesem Moment ziemlich sicher gar nicht leisten. Und vor allem wollen wir das in Konflikten oft auch nicht leisten.
Und genau hier würde ein differenzierungsorientierter Ansatz anders arbeiten.
Wir würden die Frau ebenfalls unterstützen, sich zu regulieren – das ist identisch.
Aber der nächste Schritt ist entscheidend:
Wenn sie sich beruhigt hat, fragt sie nicht nach Fremdbestätigung.
Sondern sie geht selbst in eine selbstbestätigende Haltung.
Das heisst konkret:
Sie übernimmt die Verantwortung für Bindung – aus sich selbst heraus.
In einer Sitzung könnte das zum Beispiel so klingen:
„Ich weiss, das ist gerade total schwierig für uns beide. Das ist ein heftiger Konflikt.
Und es tut mir leid, dass wir hier gerade drin sind.
Aber es ist mir wichtig, dass wir da durchgehen – auch wenn es schwierig ist.
Du bist mir wichtig. Und ich liebe dich.“
Der entscheidende Punkt ist:
Sie sagt das nicht, um ihn zu beruhigen.
Sie sagt es auch nicht, damit er sich verändert oder ihr etwas zurückgibt.
Sie sagt es, weil sie in sich weiss:
Das ist ihre Haltung. Das ist ihre Verantwortung – für sich selbst und für die Beziehung.
Und genau darin liegt die Chance:
Nicht garantiert – aber möglich –, dass sich auch sein System mit der Zeit beruhigt.
Das heisst:
Im Konflikt geht es nicht darum, dass einer den anderen reguliert.
Sondern darum, dass beide lernen, sich selbst zu regulieren – und aus dieser Regulation heraus in Verbindung zu gehen.
Und genau hier beginnt Differenzierung.
Die Differenzierungstheorie geht zurück auf Murray Bowen – interessant ist, dass sie ungefähr zur gleichen Zeit entstand wie die Bindungstheorie von John Bowlby und Mary Ainsworth.
Während die Bindungstheorie ursprünglich aus der frühen Kindentwicklung heraus gedacht wurde und beschreibt, wie sich unsere inneren Beziehungsmuster formen, hat Bowen von Anfang an ganze Beziehungssysteme im Blick gehabt.
Zwei Modelle aus derselben Zeit – und doch sehr unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie wir als Menschen mit Nähe und Spannung umgehen.
Eine der zentralen Annahmen von Bowen ist: Das grosse Thema in allen Beziehungssystemen ist Anxiety. Ein emotionaler Stresszustand, eine Spannung im System.
Die entscheidende Frage ist: Wie regulieren wir diese Spannung?
Differenzierung beschreibt den Prozess, sich aus der Abhängigkeit zu lösen, dass das Gegenüber mich regulieren muss – hin zu einer eigenen, tragfähigen Selbstregulation.
Und genau hier liegt der Unterschied:
Nicht der andere beruhigt mich – sondern ich beruhige mich selbst.
Wenn wir auf die Welt kommen, liegt unsere grosse Herausforderung darin: Wir können gut hochregulieren – aber nicht selbst beruhigen.. Einer der wichtigen Aufgaben ist den Kindern diese Selbstregulation und Selbstberuhigung zu lehren. So dass ich als Erwachsener mich in Stressituation selber beruhigen kann – das ist ein Mensch mit einer sicheren Bindung – Bindung zu sich selber und daraus ist die Verbindung zum gegenüber möglich.
Und aus dieser Selbstregulation heraus handle ich.
David Schnarch hat das dann als zentraler Teil in seine Paar- und Sexualtherapie eingebunden. Er nannte das Fremdbestätigung und Selbstbestätigung. Daher ich löse mich mehr und mehr aus der Abhängigkeit im Gegenüber und übernehme meine eigene Selbstführung. Und ganz wichtig:
Nicht, um etwas beim anderen zu bewirken – sondern weil es meine Haltung ist.
Das ist unbequem. Denn eine der Grundregeln lautet:
Die erste Person, die du konfrontierst, bist du selbst.
Und genau hier beginnt Veränderung. Nur ist das was wir in der Welt erleben eben oft genau umgekehrt. Wie wäre eine Politik, in der Parteien sich selbst konfrontieren und fragen: Was ist unser Anteil daran, dass wir nicht mehr in Verbindung sind mit der anderen Seite? Wie wäre eine Paartherapie, in der Menschen nicht zuerst den anderen konfrontieren, sondern sich selbst? Denn das führt sich beim Gegenüber nicht zu einer Öffnung und zu einer Bereitschaft sich zu verändern. Ich kann diesen Schritt nur fordern wenn ich ihn selber gehe.
Verstehen hilft mir, mich einzuordnen.
Veränderung entsteht erst, wenn ich beginne, anders zu handeln.
Hier ein Zitat von David, das es für mich gut auf den Punkt bringt::
👉 „You don’t think your life into a new way of living; you live your life into a new way of thinking.“
Und genau das ist der Differenzierungsprozess. Anstrengend, manchmal langwierig – aber lohnend.
Zum Schluss noch ein zentraler Punkt:
Beide Ansätze sind im Kern Regulationstheorien. Doch echte Selbstregulation braucht Verkörperung. Und da kommt unsere Arbeit ins Spiel.
Embodiment ist die Basis.
Erst wenn ich spüre, kann ich wahrnehmen, was in mir passiert. Erst dann kann ich diese Zustände halten. Und dieses Halten ermöglicht Verbindung – mit mir und mit anderen.
So entsteht aus Differenzierung nicht Distanz – sondern tiefere Verbindung.
Vielleicht lässt es sich so zusammenfassen:
Bindung erklärt, woher ich komme.
Differenzierung zeigt, wie ich erwachsen werde.
Verbindung ist das, was daraus entsteht.



Sehr interessanter Artikel 🙏
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