Eine der Dinge, die ich an dieser Arbeit liebe:
Das Universum ist ein startling large place.
Wenn ich beginne, in eine Richtung zu forschen, öffnet sich eine weitere Tür. Und dahinter wieder eine. Der Weg geht tiefer und tiefer. Nicht linear. Eher wie konzentrische Kreise. Oder vielleicht ist es eher der Kaninchenbau aus Alice’s Adventures in Wonderland von Lewis Carroll.
Ich folge einer Spur – neugierig, interessiert – und plötzlich geht es tiefer und tiefer. Alte Gewissheiten lösen sich. Begriffe verschieben sich. Und irgendwann merke ich: Es gibt kein Zurück mehr in die alte Sichtweise.
In diesem Fall begann es mit Irvin D. Yalom, den ich im letzten Artikel im Zusammenhang mit seiner „Schopenhauer-Kur“ besprochen habe. In einem seiner Bücher erwähnt er die Arbeit von Karen Horney – und ich war sofort fasziniert.
Wie kann es sein, dass eine Denkerin, deren Hauptwerke über 80 Jahre alt sind, heute noch so präzise unsere inneren Dynamiken beschreibt?
Die Begriffe haben sich verändert – kaum jemand spricht noch von „Neurosen“.
Doch die Grundthemen sind geblieben. Nur in einer anderen Sprache. In einer anderen Kultur. In einer anderen Zeit.
Horneys Konzept vom realen Selbst und seinen beiden Gegenspielern – dem idealisierten Selbst und dem verachteten Selbst – beschreibt eine innere Polarität, die ich in meiner Arbeit täglich sehe und auch selber persönlich bei mir erlebe. Wir pendeln zwischen Selbstüberhöhung und Selbstabwertung. Entwicklung bedeutet, das reale Selbst zu stabilisieren – nicht perfekt zu werden, sondern real.
Karen Horney wird sicher noch Thema eines eigenen Artikels werden.
Von Horney zu Adler – über einen japanischen Umweg
Über Horney landete ich auf dem YouTube-Kanal von Alina Müller, die inzwischen einen wunderbaren Workshop zu Horney entwickelt hat. In einem Beitrag bespricht sie ein japanisches Buch:
The Courage to Be Disliked.
Im ersten Moment war meine Begeisterung überschaubar.
Alfred Adler war mir natürlich ein Begriff. Einer der „Urväter“ der Psychotherapie. Aber nicht einer, der mich bislang wirklich angezogen hätte.
In unserer Arbeit stand lange Wilhelm Reich im Zentrum – mit seiner radikalen Körperorientierung, seinem Verständnis von Charakterstrukturen und seinem Konzept des orgastischen Potentials.
Dann natürlich Carl Gustav Jung – mit seinem tiefen Gespür für innere Bilder, Archetypen und kulturelle Prägungen.
Und Viktor Frankl – mit seiner unerschütterlichen Suche nach Sinn selbst im Angesicht des Grauens.
Und dann war da noch Sigmund Freud – der Urvater schlechthin, von dem sich Reich und Jung später abgewandt haben.
Aber Adler?
Der Untertitel meines Artikels ist nicht ganz zufällig gewählt. Es gibt diese berührende Dokumentation über Reich: Wer hat Angst vor Wilhelm Reich? Bei Reich versteht man die Provokation. Seine Arbeit unter anderem zur Sexualität hat massiven Widerstand ausgelöst.
Der Reich-Experte Bernd Senf brachte es einmal in einem unserer Ausbildungskurse auf den Punkt:
Freud entwickelte die Libido-Theorie – und als der Widerstand zu gross wurde, relativierte er sie.
Reich blieb auf diesem Weg – und trug die Konsequenzen.
Doch bei Adler stellt sich eine andere Frage:
Warum ist er nicht viel bekannter?
Gerade angesichts seiner grundlegenden Arbeiten zur Erziehung, Pädagogik und Gemeinschaft. Seine Individualpsychologie war in vieler Hinsicht seiner Zeit voraus. Er sprach früh über soziale Eingebundenheit, über Zielgerichtetheit menschlichen Handelns, über das Gefühl von Minderwertigkeit als Motor der Entwicklung.
Und dann landet diese Arbeit in einem japanischen Buch – und wird ein Welterfolg.
Mut zur Unbeliebtheit
Das Buch hat einen etwas speziellen Aufbau: Es ist ein Dialog zwischen einem Lehrer und seinem Schüler. Für westlich geprägte Leser vielleicht ungewohnt.
Ich lese es eher als Mentor-Schüler-Begegnung – und in diesem Sinne ist es für mich sehr stimmig. Das hat sicher auch mit meiner eigenen Geschichte zu tun. Ich habe immer wieder Mentoren und Mentorinnen gesucht, um Orientierung in diesem komplexen Leben zu finden.
Und der Titel bringt es auf den Punkt:
Wirkliche Freiheit braucht den Mut, nicht gemocht zu werden.
Das ist kein Plädoyer für soziale Kälte oder Rückzug.
Im Gegenteil.
Der Kern von Alfred Adler ist die Verbindung von:
Selbstermächtigung
Gemeinschaftssinn
Das ist bemerkenswert aktuell.
Selbstermächtigung ohne Gemeinschaftssinn wird narzisstisch.
Gemeinschaftssinn ohne Selbstermächtigung wird unterwürfig.
Integration braucht beides.
Hier schliesst sich für mich der Kreis zu Differenzierung und Integration – Themen, die mich seit Jahren begleiten. Wirkliche Reife entsteht nicht durch Anpassung. Aber auch nicht durch egozentrische Selbstbehauptung.
Sie entsteht dort, wo ein Mensch seine eigene Position einnimmt – und gleichzeitig verbunden bleibt.
Die Basis ist Selbstverantwortung.
Aber eingebettet in Gemeinschaft.
Und doch bleibt die Frage:
Woher kommt die Angst vor Adler?
Wir hatten am Wochenende unseren Workshop zur Inneren Demokratie. Im sogenannten Dreieck der Selbstermächtigung geht es – ganz adlerianisch – darum, den Blick von der Vergangenheit in die Zukunft zu richten:
Was tue ich von nun an? Ist die Kernfrage.
Oder zugespitzt: Ich kann heute wählen, glücklich zu sein.
Das konfrontiert.
Denn sofort taucht die grosse Frage auf:
Was prägt uns wirklich – und wie viel Wahlfreiheit hat der Mensch?
In meinen Sitzungen geht es oft darum, Muster und Prägungen sichtbar zu machen, die den nächsten Schritt verhindern. Denkweisen und Konstrukte lassen sich manchmal relativ schnell verändern.
Aber die wirkliche Arbeit beginnt in der somatischen Praxis. Die emotionale Ebene braucht Zeit und viel Anerkennung.
Dort stellt sich eine andere Frage:
Bin ich wirklich bereit, Zeit und Energie in diese Veränderung zu investieren?
Nach vielen Jahren merke ich: Ich bin dem Buchtitel nähergekommen. Ich habe mehr Mut, mich selbst zu sein – und gleichzeitig die Verbindung zu halten. Gerade auch in schwierigen Konflikten. Wo in früheren Jahren viel öfter noch die Überlebensanteile das Kommando übernommen haben.
Doch es bleibt ein Weg.
Und vielleicht ist die eigentliche Frage nicht:
Wer hat Angst vor Alfred Adler?
Sondern:
Haben wir den Mut, uns selbst ernst zu nehmen –
ohne uns von anderen abzuwenden
oder sie kontrollieren zu wollen?


